
Die drei Bilder hier sind in einem Fotoshooting 2010 mit Christin entstanden.
Wenn ich sie heute anschaue, sehe ich nicht nur sie – ich sehe auch mich.
Damals habe ich anders fotografiert.
Ich habe inszeniert. Licht gesetzt. Posen vorgegeben. Komposition geplant.
Nicht, weil ich jemanden verstellen wollte. Nicht aus Böswilligkeit.
Sondern weil ich es nicht besser wusste.
Ich habe so fotografiert, wie ich es für richtig hielt.
Wie ich glaubte, dass Fotografie „funktioniert“.
In dieser Zeit ging es mir nicht darum, die Persönlichkeit eines Menschen sichtbar zu
machen.
Es ging um das Bild. Um Ästhetik. Um Wirkung. Um Kontrolle.

Und doch – wenn ich heute genauer hinschaue – spüre ich zwischen all der Inszenierung
schon eine leise Suche. Eine Ahnung davon, dass da mehr sein muss.
Zwei Jahre später kam ein Punkt, an dem ich innerlich nicht mehr konnte.
Ich wollte Menschen nicht länger abseits ihrer Persönlichkeit darstellen.
Ich hatte plötzlich eine andere Vorstellung davon, was Fotografie sein kann.
Was sie sein sollte.
Ich wusste nur noch nicht, wie ich dorthin komme.
Nicht technisch – das war nie das Problem.
Sondern menschlich.
Wie komme ich hinter die Fassade?
Wie schaffe ich es, dass ein Mensch sich öffnet?
Dass er die Kamera vergisst?
Dass Vertrauen entsteht – echtes Vertrauen?
Ich begann zu verstehen:
Fotografie ist kein Zustand.
Sie ist ein Weg.
Und dieser Weg hat viel mit dem zu tun, was ein Fotograf in sich trägt.
Mit seinen Gedanken.
Seinen Unsicherheiten.
Seinem Blick auf Menschen.
Ich habe einmal gesagt – und ich stehe heute noch dazu:
Du siehst auf vielen Bildern von Menschen, was der Fotograf in dem Moment gedacht hat,
als er auf den Auslöser gedrückt hat.
Es steckt im Ausdruck.
In der Nähe oder Distanz.
In der Ehrlichkeit – oder in der Maske.
Manchmal sitze ich nach einem Shooting vor den Bildern und frage mich:
Warum genau hier?
Warum habe ich in diesem Bruchteil einer Sekunde den Auslöser gedrückt?
Und woher kam dieser Ausdruck?
War es ein Gedanke?
Ein Gefühl?
Oder einfach ein Moment, der größer war als Planung?
Manchmal gebe ich meinen Kunden noch ein paar Bilder zusätzlich, die sich scheinbar
gleichen.
Sie sagen dann:
„Warum haben wir viermal das gleiche Bild bekommen?“
Und ich antworte:
„Haben Sie nicht. Schauen Sie bitte ganz genau hin. Und nehmen Sie sich Zeit.“
Denn zwischen zwei fast identischen Bildern liegen Welten.
Ein Atemzug.
Ein gelöster Blick.
Ein kurzer Zweifel.
Ein ehrliches Lächeln, das eine Sekunde später wieder verschwunden ist.
Zeit.
Was für ein großes Wort in einer Zeit, in der alles schnell gehen muss.
In der wir Bilder im Bruchteil einer Sekunde weiterwischen.
Vielleicht ist genau das mein Weg geworden:
Bilder zu schaffen, die man nicht wegwischt.
Sondern anschaut.
Und noch einmal anschaut.
Und vielleicht ein drittes Mal.
Vor ein paar Tagen schrieb mir jemand:
„Ich fotografiere als Hobby, aber zum Genuss.“

Ich glaube, genau darum geht es.
Nicht um Perfektion.
Nicht um Likes.
Nicht um Inszenierung.
Sondern um Genuss.
Um Bewusstsein.
Um Zeit.
Und wenn ich heute diese drei Bilder von Christin betrachte, sehe ich nicht nur, wie sie damals war.
Ich sehe auch, wie ich mich verändert habe.