Wenn Menschen vor meiner Kamera anfangen, sie selbst zu sein

Ich glaube, meine Art zu fotografieren beginnt lange bevor ich überhaupt die Kamera in die Hand nehme.

Bei einem Porträtshooting sind die Menschen oft voller Erwartung. Sie machen sich Gedanken darüber, was sie anziehen sollen, wie sie wirken, und was andere später über die Bilder denken könnten. Und genau in diesen Momenten beginnt für mich das eigentliche Shooting noch bevor wir überhaupt anfangen zu fotografieren.

Aus einem Fotoshootingt mit Torsten Leuchtenberg, Köln, 2026

Denn ich habe gelernt, dass es selten um das reine Fotografieren geht. Es geht viel mehr um die Gedanken davor. Um diese leise Unsicherheit, nicht gut genug zu sein oder hinterher nicht zu gefallen. Dieses Gefühl, genügen zu müssen, begleitet viele Menschen, wenn sie vor meiner Kamera stehen.

Und genau da versuche ich anzusetzen.

Ich bin der Meinung, dass wir Menschen viel zu oft versuchen, zu erraten, was andere über uns denken. Dabei werden wir es natürlich nie wirklich wissen. Wir können Menschen spüren, wir können empathisch sein, aber wir können nicht in ihre Köpfe schauen. Ganz ehrlich möchte es auch nicht können. Aber trotzdem lassen wir genau diese Gedanken so oft über uns bestimmen.

Vielleicht ist es genau das, was ich Menschen im Vorfeld eines Shootings nehmen möchte. Diesen Druck, diese ständige Bewertung im Kopf. Aber durch z.B. Social Media, wo Bewertung eine große Rolle spielt, ist es auch sehr schwer geworden sich nicht diesen Druck zu machen. 

Für mich soll ein Fotoshooting kein Moment der Leistung sein. Kein „Ich muss jetzt gut aussehen“ oder „Ich muss etwas darstellen“. Sondern eher ein Raum, in dem man für einen Moment alles vergessen darf, was sonst im Alltag wichtig ist und nicht wichtig ist. 

Wenn dieser Druck langsam verschwindet, passiert etwas sehr Ehrliches. Menschen werden ruhiger. Sie hören auf, sich selbst zu kontrollieren. Und genau dann fangen sie an, sie selbst zu sein. Ohne dass sie darüber nachdenken müssen.

Aus einem Fotoshooting mit Torsten Leuchtenberg, Köln, 2026

Und genau in diesen Momenten entstehen für mich die Bilder, die wirklich etwas erzählen.

Ich glaube, Fotografie muss heute anders gedacht werden. Nicht als Stil, den ich Menschen überstülpe, um mich selbst wiedererkennbar zu machen. Sondern als Begegnung zwischen zwei Menschen.

Es geht nicht um den Fotografen im Vordergrund. Es geht immer um den Menschen vor der Kamera. Und je mehr Raum ich ihm gebe, desto ehrlicher wird das Bild.

Ich sehe meine Aufgabe darin, genau diesen Raum zu schaffen. Eine Atmosphäre, in der kein Druck entsteht, sondern Vertrauen.

Aus einem Fotoshooting mit Torsten Leuchtenberg, Köln, 2026

Mein Ziel ist es, dass ein Fotoshooting nicht einfach ein Termin ist, sondern ein Erlebnis, das bleibt. Ein Moment, an den man sich später gerne erinnert. Oft sagen Menschen am Ende: „Wie, wir sind schon fertig?“ …..und genau dann weiß ich, dass sie in diesem Raum angekommen sind.

Für mich sind Bilder nichts, was einfach auf einer Festplatte verschwindet.

Bilder sind Erinnerungen.

Sie gehören dahin, wo man sie sieht. Im Alltag. Im Leben. Vielleicht sogar eingerahmt an einer Wand, sodass sie uns jeden Tag daran erinnern, wer wir sind.

Bei uns zuhause steht ein Bild meiner Großeltern von ihrer goldenen Hochzeit. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, bleibe ich kurz stehen. Es erinnert mich nicht nur an sie, sondern auch an Werte, die mich geprägt haben. Besonders an einen Satz meiner Großmutter: „Sei ehrlich zu Menschen und schätze sie wert.“

Vielleicht ist genau das auch die Grundlage meiner Arbeit geworden.

Ich habe festgestellt, dass Menschen sich öffnen, wenn sie merken, dass man ihnen ehrlich begegnet. Sie trauen sich mehr. Sie zeigen mehr von sich. Und genau das verändert alles in einem Shooting.

Dann entstehen Bilder, die nicht gestellt sind, sondern echt.

Und vielleicht ist das am Ende das, was ich wirklich tue: Ich fotografiere nicht nur Menschen. Ich begleite sie für einen Moment in einen Raum, in dem sie sich selbst wieder ein Stück näherkommen.

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